PM Stellungnahme zum ersten geplanten polnischen Atomkraftwerk
Polen plant (erneut) den Einstieg in die Nutzung der Atomkraft zur Stromerzeugung.
Der erste Versuch erfolgte in der Nähe von Danzig in den 1970er Jahren (AKW, Typ WWER-440/213, vier geplante Reaktorblöcke, 1800 MW) und wurde 1990 wegen massiver Sicherheitsbedenken aufgegeben. Der AKW-Bau hat rund 2 Milliarden US-Dollar verschlungen und gilt als eine der größten polnischen Investitionsruinen.
Aktuell hat Polen ein neues Atomprogramm aufgelegt, unter dem drei neue Reaktoren errichtet werden sollen. Das erste AKW soll von dem kanadisch-amerikanischen Unternehmen Westinghaus und dem polnischen Staatsunternehmen PEJ in der Wojewodschaft Pommern am Standort Lubiatowo-Kopalino auf dem Gebiet der Gemeinde Choczewo errichtet werden.
Das AKW (Typ AP1000) mit drei Reaktorblöcken soll mit einer elektrischen Leistung von bis zu 3.750 Megawatt (MWe) realisiert werden.
Für diesen geplanten Bau hat Polen 2015 ein grenzüberschreitendes Umweltverträglichkeitsverfahren (UVP-Verfahren) zur Standortauswahl, zum Bau und Betrieb des ersten Atomkraftwerks gestartet. Der Umweltbescheid wurde am 19.09.2023 trotz massiver Kritik vom Generaldirektorat Umweltschutz in Warschau erteilt.
Die BI Lebensraum Vorpommern lehnt den Bau eines neuen AKW an der Ostseeküste aus folgenden Gründen ab:
- Die Atomtechnologie zur Stromerzeugung viel umweltschädlicher als Strom aus erneuerbaren Energien
- Das AKW wird mit einem offenen Kühlkreislauf realisiert, d.h. zur Kühlung wird das Wasser der Ostsee genutzt. Polnische Wissenschaftler kritisieren, dass die Erwärmung durch das vom AKW eingeleitete Kühlwasser nicht ausreichend detailliert modelliert und simuliert worden sei. Die von PEJ angegebene max. Erwärmung von 2 Grad halten sie für viel zu niedrig. Die Erwärmung der Ostsee könnte die Blaualgenblüte verschlimmern und die anaeroben Gebiete in unserem Meer vergrößern.
Für den AKW-Typ AP1000 von Westinghouse gibt es noch eine relativ geringe Betriebserfahrung. Diese neue Generation von AKWs soll zwar sicherer sein, aber nicht effizienter. Da menschliche Bedienfehler nie kalkulierbar sind, ist ein GAU nie auszuschließen. PEJ verweist auf die angeblich sehr sicheren schwedischen AKWs an der Ostsee.
Am 8.5.2024 kommt es just im größten schwedischen Kernkraftwerk Oskarshamn an der Ostsee zu einem schweren Störfall, der als der schwerste in den letzten fünf Jahren eingestuft wird (Kategorie 1). Das AKW wird mindestens 3 Monate vom Netz sein. Mehrere Studien und Simulationen zeigen, dass ein Unfall in einem polnischen Atomkraftwerk weite Teile Europas verstrahlen würden und dramatische Auswirkungen auf Menschen und Umwelt hätte.
- Des Weiteren existiert in Polen kein Uran-Brennstoffkreislauf, kein Endlager und der Einstieg in die Atomtechnologie erhöht die Abhängigkeit von der knappen Ressource Uran (Import aus politisch instabilen Ländern)
- Für das AKW und die dafür notwendige Infrastruktur sind bereits große Flächen der wertvollen Küstenwälder gerodet worden. Insgesamt werden 150 ha Küstenlandschaft zerstört. Das Projektgebiet grenzt an NATURA 2000 Schutzgebiete.
- Wir wissen heute das AKWs nicht wirtschaftlich sind. Nur mit staatlichen oder europäischen Subventionen (Steuergelder) sind die AKWs realisierbar. Im März 2025 hat Präsident Duda 60 Milliarden Zloty (14,4 Milliarden Euro) zur Finanzierung des ersten polnischen Kernkraftwerks freigegeben. Das sind erst ca. 30 % der nötigen Investitionen. Woher die restlichen Gelder herkommen sollen, ist offen. Bisher hat die EU aus guten Gründen Gelder für das polnische Atomprogramm verweigert. Die Bauzeit von AKWs zieht sich häufig 10-20 Jahre hin und die Baukosten verteuern sich in der Regel dramatisch. Das bindet unnötig Gelder, die wiederum für den zeitnahen Ausbau von erneuerbaren Energien fehlen. Der gerade verschobene Betriebsbeginn des geplanten Reaktors auf das Jahr 2036 (3 Jahre später als bisher geplant) wäre zu spät, um zeitnah einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.
- Reaktorunfälle: Auswirkungen auf Deutschland nicht auszuschließen! Das geplante erste AKW in Polen liegt ca. 250km von der deutschen Grenze entfernt, direkt an der Ostsee und soll über seinen Kühlwasserkreislauf mit der Ostsee verbunden werden. Bei einem Reaktorunfall können radioaktive Stoffe über Luft oder auch über die Ostsee nach Deutschland gelangen.
Die Universität Wien hat mit einem Lagrangeschen Ausbreitungsmodell, das für regionale und großräumige Ausbreitungsrechnungen geeignet ist, einen solcher Unfall (GAU) berechnet. Demnach treten auch über 300km vom geplanten Reaktor entfernt radioaktive Kontaminationen auf. Deutschland könne so bei ungünstiger Wetterlage schwerwiegend kontaminiert werden.
- Berechnungen von Piguet Frédéric-Paul und anderen zeigen, dass bei einem schwerwiegenden Unfall in rund 60 Prozent der meteorologischen Simulationen die Strahlungsbelastung induzierten schweren Krankheiten (Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die damit verbundenen strahlungsbedingten Todesfälle) mehrheitlich außerhalb Polens auftreten würden.
Ein schwerer Unfall im geplanten AKW hat weitreichende und dramatische Konsequenzen für Menschen und Umwelt in Polen aber auch in Deutschland und im übrigen Europa.
Als Beitrag zum Klimawandel und als Ersatz für die polnische Kohleverstromung kommt das AKW zu spät. Anlagen zur Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien sind deutlich schneller errichtet und in Betrieb zu nehmen.
Dr. Rainer Sauerwein, 21.05.2025
Bürgeriniative Lebensraum Vorpommern e.V.